Für Betroffene & Angehörige

Leben mit G6PD-Mangel

Alles Wichtige für den Alltag – verständlich erklärt und mit Quellen belegt. Von den Grundlagen über Auslöser bis zum richtigen Verhalten im Notfall.

Wichtiger Hinweis zu allen Inhalten
Diese Seiten fassen den medizinischen Wissensstand mit Quellen zusammen und geben Erfahrungswissen weiter. Sie ersetzen keine ärztliche Beratung. Im Verdachts- oder Notfall wenden Sie sich bitte immer an einen Arzt oder die Notaufnahme.

Was ist G6PD-Mangel?

Bei G6PD-Mangel fehlt dem Körper ein bestimmtes Enzym oder es arbeitet nur eingeschränkt: die Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase, kurz G6PD. Dieses Enzym sitzt in den roten Blutkörperchen und ist dort ihr wichtigster Schutzschild.

Was das Enzym leistet

Rote Blutkörperchen sind ständig sogenanntem oxidativem Stress ausgesetzt, also aggressiven Sauerstoffverbindungen, die die Zelle von innen angreifen. Das G6PD-Enzym stellt einen Schutzstoff (NADPH) bereit, mit dem die Zelle diese Angriffe abwehrt. Fehlt dieses Enzym, fehlt der Schutz. Unter Belastung, etwa durch bestimmte Stoffe oder Infektionen, werden die roten Blutkörperchen dann geschädigt und zerfallen. Diesen Zerfall nennt man Hämolyse (StatPearls, NBK470315, 2025).

Wichtig: Der Mechanismus ist oxidativer Stress, kein Abwehr- oder Antikörperprozess. Der Körper greift die Blutkörperchen also nicht selbst mit dem Immunsystem an, sie werden schlicht chemisch überfordert (NEJM, Luzzatto/Arese, 2018).

Zustand ist nicht gleich Erkrankung

Der Unterschied auf einen Blick
G6PD-Mangel ist ein lebenslanger, meist beschwerdefreier Zustand. Die meisten Menschen mit G6PD-Mangel leben völlig normal und merken davon nichts, solange sie die bekannten Auslöser meiden.
Favismus ist die akute Erkrankung, wenn es tatsächlich zur Blutzersetzung kommt, klassisch nach dem Essen von Favabohnen (Dicke Bohnen). Erst dann wird aus dem stillen Zustand ein akutes Krankheitsereignis.

Wie häufig ist G6PD-Mangel?

G6PD-Mangel ist die häufigste Enzymstörung des Menschen weltweit. Schätzungen gehen von rund 400 bis 500 Millionen betroffenen Menschen aus; die Global-Burden-of-Disease-Studie zählte für das Jahr 2021 rund 443 Millionen Fälle (Frontiers in Genetics, GBD-Studie, 2025; StatPearls, NBK470315, 2025). Warum G6PD-Mangel gerade in bestimmten Weltregionen so verbreitet ist und was das für Deutschland bedeutet, lesen Sie unter Zahlen, Daten, Fakten.

Vererbung

G6PD-Mangel ist nicht ansteckend, sondern wird vererbt. Die genetische Bauanleitung für das Enzym liegt auf dem X-Chromosom. Männer haben ein X- und ein Y-Chromosom, Frauen zwei X-Chromosomen. Aus dieser einfachen Tatsache erklärt sich fast alles rund um die Vererbung (StatPearls, NBK470315, 2025).

Warum meist Jungen und Männer betroffen sind

Ein Junge hat nur ein einziges X-Chromosom. Trägt dieses die veränderte Bauanleitung, hat er keine gesunde „Ersatzkopie". Er ist dann in aller Regel voll betroffen. Deshalb sind Jungen und Männer deutlich häufiger und meist stärker betroffen.

Warum auch Mädchen und Frauen betroffen sein können

Lange galt die Regel: Frauen sind nur „Überträgerinnen" (Konduktorinnen) und selbst gesund. Das ist nach heutigem Wissensstand zu einfach.

  • Eine Frau mit einem veränderten und einem gesunden X-Chromosom (heterozygot) hat zwei unterschiedliche Kopien. In jeder einzelnen Körperzelle wird aber nur eine davon aktiv genutzt, welche, entscheidet der Zufall (sogenannte X-Inaktivierung oder Lyonisierung).
  • Je nachdem, wie dieser Zufall ausfällt, kann die Enzymaktivität einer Trägerin von nahezu 0 % bis nahezu 100 % reichen. Ein Teil dieser Frauen hat eine deutlich verminderte Aktivität und kann sehr wohl eine Hämolyse entwickeln (Luzzatto et al., WHO Bulletin, 2024).
  • In Regionen mit hoher Verbreitung kommen zudem Frauen mit zwei veränderten X-Chromosomen (homozygot) vor. Sie sind wie betroffene Männer voll betroffen.

Trägerinnen nicht automatisch als „gesund" abtun
Dass eine Frau „nur Überträgerin" ist, bedeutet nicht sicher, dass sie beschwerdefrei bleibt. Bei familiärer Vorbelastung kann eine Enzymbestimmung sinnvoll sein, besonders vor einer geplanten Malaria-Prophylaxe (siehe Auf Reisen).

Feste Regeln des Erbgangs

  • Ein Vater mit G6PD-Mangel gibt sein verändertes X immer an alle Töchter weiter (sie werden mindestens Trägerinnen), nie an seine Söhne (die bekommen sein Y-Chromosom).
  • Ob ein Kind einer tragenden Mutter die Veränderung erbt, entscheidet sich pro Kind mit je 50 % Wahrscheinlichkeit.

Daraus ergeben sich saubere Wahrscheinlichkeiten, zum Beispiel: gesunder Vater, Mutter Trägerin → je 25 % gesunde Tochter, tragende Tochter, gesunder Sohn, betroffener Sohn.

Was das für die Familienplanung bedeutet

G6PD-Mangel ist gut mit einem normalen Leben vereinbar und die allermeisten Betroffenen sind beschwerdefrei. Wer sich vor einer Familienplanung über die Wahrscheinlichkeiten für die eigenen Kinder informieren möchte, kann das in einer humangenetischen Beratung tun. Das ist ein Angebot, keine Notwendigkeit. Die Entscheidung liegt allein bei Ihnen.

Schaubild

Wie sich der G6PD-Mangel vererbt

Ein Beispiel: Die Mutter ist Trägerin (Konduktorin), der Vater ist gesund. So verteilt sich die Veranlagung statistisch auf die Kinder – jede Kombination ist gleich wahrscheinlich.

Mutter · Trägerin
XX
Vater · gesund
XY
XX
Tochtergesund25 %
XX
TochterTrägerin25 %
XY
Sohngesund25 %
XY
Sohnbetroffen25 %
X X-Chromosom (normal)X X mit verändertem G6PD-GenY Y-Chromosom

Kurz erklärt: Jungen haben nur ein X-Chromosom. Erben sie das veränderte, sind sie betroffen. Mädchen haben zwei X-Chromosomen; mit einem gesunden sind sie meist nur Trägerinnen (können aber leichte Symptome haben). Wichtig: Ist der Vater gesund, erkrankt keine Tochter. Wäre umgekehrt der Vater betroffen und die Mutter gesund, wären alle Töchter Trägerinnen und alle Söhne gesund.

Auslöser im Alltag

Solange die bekannten Auslöser gemieden werden, bleibt G6PD-Mangel meist folgenlos. Es lohnt sich deshalb, die Auslöser zu kennen.

Favabohnen (Dicke Bohnen, Saubohnen)

Der bekannteste und häufigste Auslöser sind Favabohnen (botanisch Vicia faba), auch Dicke Bohne, Saubohne oder Puffbohne genannt. Verantwortlich sind zwei Inhaltsstoffe: Vicin und Convicin. Im Darm werden sie in ihre wirksamen Abbauprodukte Divicin und Isouramil gespalten. Diese erzeugen in den roten Blutkörperchen genau den oxidativen Stress, gegen den das fehlende Enzym eigentlich schützen sollte (NEJM, Luzzatto/Arese, 2018).

Kochen macht Favabohnen nicht sicher
Vicin und Convicin werden durch Kochen, Einfrieren oder Konservieren nicht zuverlässig zerstört. Auch getrocknete, tiefgekühlte und Dosen-Favabohnen bleiben gefährlich (LactMed „Fava Beans", NBK532498).

Favabohnen verstecken sich in vielen Gerichten, etwa in Ful medames (arabisches Frühstück), in manchen Falafel-Varianten (Ta'amiya) und in mediterranen oder nordafrikanischen Eintöpfen. Prüfen Sie im Zweifel die Zutatenliste. Wie stark die Reaktion ausfällt, hängt von Menge, Enzymvariante und individueller Empfindlichkeit ab, verlassen Sie sich deshalb nicht auf „kleine Mengen".

Andere Hülsenfrüchte

Nur die Favabohne ist die kritische Bohne
Gefährlich ist ausschließlich Vicia faba. Andere Bohnen wie Gartenbohne, Kidneybohne oder Feuerbohne (alle Gattung Phaseolus) sind keine typischen Auslöser einer favabohnen-artigen Hämolyse. Nutzen Sie diese Unterscheidung als Entlastung, damit nicht jede Bohne zur Angst wird.

Naphthalin (Mottenkugeln)

Naphthalin, der Wirkstoff klassischer Mottenkugeln und mancher Insektizide, ist ein bestätigter Auslöser. Schon der Verzehr einer einzigen Mottenkugel kann bei einem Kleinkind eine schwere Hämolyse auslösen (PMC8742304).

Mottenkugeln aus dem Haushalt verbannen
Verwenden Sie keine naphthalinhaltigen Mottenkugeln in Kleiderschränken oder Räumen und bewahren Sie sie besonders für Kinder unerreichbar auf. Bereits das Einatmen der Dämpfe kann problematisch sein.

Henna, besonders bei Säuglingen

Henna enthält Lawson (ein Naphthochinon), das mit Naphthalin verwandt ist. Bei Neugeborenen und Säuglingen mit G6PD-Mangel ist bei Henna-Anwendung Vorsicht geboten. Die Belege beruhen überwiegend auf Fallberichten, der Zusammenhang gilt aber als plausibel genug, um bei kleinen Kindern zurückhaltend zu sein.

Einer kleinen, hellhäutigen Kinderhand wird mit einem Henna-Kegel ein Muster aufgemalt – bei G6PD-Mangel kann das Auftragen von Henna auf die Haut gefährlich sein.
Henna auf der Haut eines Kleinkinds – bei G6PD-Mangel ist besonders bei Säuglingen Vorsicht geboten.

Bei Säuglingen auf Henna verzichten
Verzichten Sie bei einem Baby mit G6PD-Mangel auf Henna-Anwendungen auf der Haut, bis dies ärztlich abgeklärt ist.

Bestimmte Medikamente

Manche Medikamente können eine Hämolyse auslösen, viele früher gefürchtete jedoch nicht. Der Wissensstand hat sich stark gewandelt: Nur wenige Wirkstoffe sind wirklich hochriskant, während viele alte Warnungen inzwischen entschärft wurden. Die geprüfte, quellenbasierte Übersicht finden Sie in unserer Medikamentenliste (auf Basis der CPIC-Leitlinie 2022/2023).

Infektionen

Infektionen sind einer der häufigsten Auslöser überhaupt, oft unterschätzt. Fieberhafte Infekte können unabhängig von Medikamenten eine Hämolyse anstoßen. Mehr dazu unter Fieber und Infekte.

Frische Favabohnen in der geöffneten Schote
Einzelne grüne Favabohne aus der Nähe
Getrocknete Favabohnen in Holzschalen

Favabohnen – frisch, in der Schote und getrocknet. In jeder Form bleiben sie ein Auslöser (auch gekocht).

Krankheitsverlauf und Symptome einer Hämolyse

Kommt es nach einem Auslöser zu einer Hämolyse, folgt der Verlauf meist einem typischen Muster. Die gute Nachricht vorweg: Eine akute Hämolyse ist meistens selbstlimitierend, das heißt, sie klingt von selbst wieder ab, sobald der Auslöser wegfällt (StatPearls, NBK470315, 2025; GPOH, Kinderblutkrankheiten, 2025).

Zeitachse und Symptome

Die Beschwerden beginnen typischerweise 24 bis 72 Stunden nach dem Kontakt mit dem Auslöser. Typische Zeichen sind:

  • Dunkler Urin, oft bierbraun oder colafarben (durch abgebaute rote Blutkörperchen)
  • Gelbsucht (Ikterus): gelbliche Haut und Augenweiß
  • Blässe von Haut und Lippen
  • Müdigkeit, Schwäche und Abgeschlagenheit (durch den Blutmangel)
  • teils Bauch- oder Rückenschmerzen, Fieber, Kreislaufschwäche

Dunkler Urin ist ein Warnsignal
Bierbrauner oder colafarbener Urin nach einem möglichen Auslöser ist ein deutliches Zeichen für eine Hämolyse. Beobachten Sie außerdem die Farbe von Haut und Augen und das Aktivitätsniveau, besonders bei kleinen Kindern.

Der tiefste Punkt liegt um Tag 7 bis 8

Der Abbau der roten Blutkörperchen erreicht meist um den 7. bis 8. Tag seinen tiefsten Punkt (Nadir), also den niedrigsten Blutwert. Danach erholt sich das Blut in der Regel von selbst wieder, weil der Körper laufend neue rote Blutkörperchen bildet (StatPearls, NBK470315, 2025).

Selbstlimitierend heißt nicht „harmlos"
Auch wenn eine Hämolyse meist von allein abklingt, kann sie im Einzelfall, besonders bei Kindern, schwer verlaufen und eine Behandlung im Krankenhaus nötig machen. Wann Sie sofort handeln müssen, lesen Sie unter Notfall.

Zeitlicher Verlauf

So verläuft eine Hämolyse

Klicken Sie auf eine Phase, um mehr zu erfahren – vom Auslöser bis zur Erholung.

Auslöser – noch keine Beschwerden

Der Körper hatte Kontakt mit einem Auslöser: Favabohnen, eine Infektion oder ein auslösendes Medikament. Jetzt merkt man meist noch nichts.

Wenn Sie wissen, dass ein Auslöser aufgenommen wurde, beobachten Sie die nächsten Tage aufmerksam.

Quelle: Blood 2012 (Dapson-Kohorte) · Tulane PharmWiki

Fieber und Infekte

Beim Thema Fieber wird der wichtigste Punkt oft übersehen. Entscheidend ist nicht in erster Linie das Fiebermittel, sondern die Infektion selbst.

Die Infektion ist der eigentliche Auslöser

Infektionen gehören zu den häufigsten Auslösern einer Hämolyse bei G6PD-Mangel (CPIC-Leitlinie, Gammal et al., 2022/2023). Fieber ist deshalb bei G6PD-Mangel ein Anlass, aufmerksam zu sein: Nicht nur wegen des Fiebers, sondern weil der Infekt dahinter eine Blutzersetzung anstoßen kann.

Fieber ernst nehmen und beobachten
Klären Sie fieberhafte Infekte bei einem Kind mit G6PD-Mangel ärztlich ab und achten Sie in den Tagen danach auf die Hämolyse-Zeichen: Blässe, dunkler Urin, Gelbsucht, ungewöhnliche Müdigkeit.

Paracetamol ist in normaler Dosis sicher

Ein weit verbreiteter Irrtum lautet, Paracetamol müsse bei G6PD-Mangel gemieden werden. Das ist nicht richtig: Paracetamol gilt in üblicher, therapeutischer Dosierung als sicher und steht nicht auf der Hochrisikoliste. Ältere Berichte, die Paracetamol verdächtigten, gingen meist auf Verwechslung mit der eigentlich zugrunde liegenden Infektion oder anderen Auslösern zurück (CPIC-Leitlinie, 2022/2023; systematischer Review, J Pediatr, 2011).

Auch Ibuprofen ist in üblicher Kurzzeitdosis unauffällig. Beide Fiebermittel sind in normaler Dosierung vertretbar. Es gibt keinen Grund, Paracetamol pauschal zu „verbannen".

Worauf es bei Fieber wirklich ankommt
- Fieber und Infekt ärztlich abklären, denn der Infekt selbst kann Auslöser sein.
- Fiebermittel in normaler Dosis nach ärztlicher Empfehlung, Paracetamol und Ibuprofen sind beide vertretbar.
- In den Tagen danach auf Hämolyse-Zeichen achten.
- Im Zweifel oder bei Warnzeichen sofort ärztlich vorstellen.

Notfall

Die meisten Hämolysen verlaufen mild und klingen von selbst ab. Trotzdem sollten Sie die Warnzeichen kennen, bei denen Sie sofort handeln müssen, besonders bei Kindern.

Wann sofort 112 oder in die Notaufnahme

Sofort Notruf 112 oder Notaufnahme bei:
- starker Blässe, Teilnahmslosigkeit oder auffälliger Schwäche (besonders beim Kind)
- schneller Atmung, Herzrasen, Kreislaufschwäche oder Bewusstseinstrübung
- bierbraunem oder colafarbenem Urin zusammen mit deutlicher Gelbsucht
- anhaltendem Erbrechen, sehr hohem Fieber oder Krampfanfall

Diese Zeichen können auf eine schwere Blutarmut hinweisen. Warten Sie in diesem Fall nicht ab.

Was im Krankenhaus passiert

Im Krankenhaus wird zunächst über eine Blutabnahme geprüft, wie stark die Blutzersetzung ist (Blutbild, Hämoglobinwert). Die Behandlung ist in erster Linie unterstützend: Der Auslöser wird konsequent weggelassen, der Kreislauf mit Flüssigkeit stabilisiert und der Verlauf beobachtet. Nur bei schwerer Blutarmut ist eine Bluttransfusion nötig (StatPearls, NBK470315, 2025; GPOH, 2025).

Eine Transfusion ist die Ausnahme, nicht die Regel
Anders als oft behauptet ist eine Hämolyse nicht „nur mit Bluttransfusion behandelbar". Die meisten Verläufe klingen nach Absetzen des Auslösers von selbst ab. Die Transfusion bleibt schweren Fällen vorbehalten.

Notfallausweis

Notfallausweis anlegen
Legen Sie für sich oder Ihr Kind einen Notfallausweis an, der auf den G6PD-Mangel hinweist und die zu meidenden Auslöser und Medikamente nennt. So wissen Ärzte und Rettungskräfte im Ernstfall sofort Bescheid, auch wenn Sie selbst gerade nicht sprechen können. Nehmen Sie zusätzlich die aktuelle Medikamentenliste mit und weisen Sie im Krankenhaus aktiv auf den G6PD-Mangel hin.

Auf Reisen

Mit etwas Vorbereitung steht dem Reisen nichts im Weg. Zwei Themen verdienen besondere Aufmerksamkeit: die Malaria-Prophylaxe und das Erkennen von Favabohnen auf fremden Speisekarten.

Malaria-Prophylaxe: hier ist Vorsicht Pflicht

Einige Malaria-Medikamente aus der Gruppe der 8-Aminochinoline, konkret Primaquin und Tafenoquin, können bei G6PD-Mangel eine schwere Hämolyse auslösen.

Vor Primaquin oder Tafenoquin immer G6PD-Test
Tafenoquin ist bei G6PD-Mangel oder unbekanntem G6PD-Status kontraindiziert. Vor Primaquin muss der G6PD-Status getestet werden. Ein einfacher Schnelltest reicht dabei nicht immer aus, gerade bei Trägerinnen mit mittlerer Enzymaktivität; für Tafenoquin ist eine Aktivität von mindestens 70 % gefordert. Besprechen Sie eine Malaria-Prophylaxe deshalb rechtzeitig mit einem reisemedizinisch erfahrenen Arzt (CPIC-Leitlinie, 2022/2023; CDC Travelers' Health, Tafenoquine).

Für die meisten Reisenden mit G6PD-Mangel gibt es geeignete Alternativen zur Malaria-Vorbeugung. Wichtig ist nur, das Thema vor der Reise anzusprechen und nicht erst vor Ort.

Favabohnen in mehreren Sprachen erkennen

Auf Reisen tauchen Favabohnen unter vielen Namen auf. Kritisch ist immer nur Vicia faba, die folgenden Bezeichnungen helfen beim Erkennen:

SpracheName
Arabischفول (Ful / Foul)
TürkischBakla
Griechischκουκιά (Koukia)
ItalienischFave / Fava
SpanischHabas
Farsi (Persisch)باقلا (Baghali)
FranzösischFèves

Achtung vor Verwechslung
Namen wie „Rajma", „judía roja" oder „grüne Bohne" bezeichnen andere Bohnenarten (Phaseolus) und sind nicht die kritische Favabohne. Umgekehrt heißt „nicht Favabohne" nicht automatisch harmlos bei jeder Zubereitung, im Zweifel nachfragen.

Reiseapotheke und Apotheken-Hinweise

Vor der Reise vorbereiten
- Nehmen Sie eine mehrsprachige Notfallkarte mit: „Ich habe G6PD-Mangel. Keine Favabohnen. Bestimmte Medikamente meiden."
- Legen Sie eine kleine, geprüfte Reiseapotheke an, mit den für Sie verträglichen Wirkstoffen.
- Weisen Sie in Apotheken im Ausland aktiv auf den G6PD-Mangel hin, bevor Sie ein Medikament kaufen, gerade Antibiotika und Malariamittel.

Zahlen, Daten, Fakten

Weltweite Verbreitung

G6PD-Mangel ist die häufigste Enzymstörung des Menschen. Weltweit sind schätzungsweise 400 bis 500 Millionen Menschen betroffen; die Global-Burden-of-Disease-Studie zählte für 2021 rund 443 Millionen Fälle, ein Anstieg von etwa 80 % gegenüber 1990 (überwiegend durch Bevölkerungswachstum) (Frontiers in Genetics, GBD-Studie, 2025).

Geografische Verteilung

Die Verbreitung folgt historisch den früheren Malaria-Gebieten, denn der G6PD-Mangel bietet einen gewissen Schutz vor Malaria. Deshalb ist er dort besonders häufig:

  • Afrika (südlich der Sahara), teils über 20 % bei Männern
  • Mittelmeerraum und Naher Osten
  • Süd- und Südostasien

Die höchste Fallzahl trägt heute Südasien; die fünf Länder mit den meisten Betroffenen sind Indien, China, Nigeria, Bangladesch und Indonesien (Frontiers in Genetics, GBD-Studie, 2025).

Einordnung für Deutschland

Deutschland und Europa gelten als Region mit niedriger Verbreitung (unter etwa 0,3 % bei Männern). Ältere Schätzungen für Deutschland nannten grob 0,1 bis 0,4 % der Bevölkerung, diese Zahlen stammen jedoch aus früheren Jahrzehnten und sind mit Vorsicht zu lesen (ScienceDirect, ethnogeografische Variabilität, 2021). Höhere Häufigkeiten finden sich bei Menschen mit Wurzeln im Mittelmeerraum, in Afrika, im Nahen Osten sowie in Süd- und Südostasien.

Frauen sind nicht ausgeschlossen
Betroffen sind überwiegend Jungen und Männer. Mädchen und Frauen können durch die zufällige X-Inaktivierung aber ebenfalls eine verminderte Enzymaktivität und damit ein Hämolyse-Risiko haben (Luzzatto et al., WHO Bulletin, 2024). Die pauschale Aussage „Frauen erkranken so gut wie nie" ist überholt.

Kein Screening in Deutschland
G6PD-Mangel ist nicht Teil des deutschen Neugeborenen-Screenings. In anderen Ländern wird ein flächendeckendes Screening zunehmend eingeführt und diskutiert (AAP Pediatrics, 2024).

Verbreitung

Wo kommt G6PD-Mangel vor?

Der G6PD-Mangel folgt einem breiten Gürtel um den Äquator, der die früheren und aktuellen Malariagebiete abbildet (Malaria-Selektionsvorteil). Weltweit sind schätzungsweise 400 bis 500 Millionen Menschen betroffen. Damit ist der G6PD-Mangel die häufigste Enzymopathie (Enzymstörung) des Menschen.

Ein breiter Gürtel um den Äquator – dort, wo Malaria verbreitet war, bietet der G6PD-Mangel einen Überlebensvorteil.
Simple World MapAuthor: Al MacDonald Editor: Fritz Lekschas License: CC BY-SA 3.0 ID: ISO 3166-1 or "_[a-zA-Z]" if an ISO code is not available
Mausrad oder Buttons zum Zoomen · ziehen zum Verschieben · Land antippen für Details
Hoch (≥ 8 %) Mittel (2–8 %) Niedrig (0,2–2 %) Sehr niedrig (< 0,2 %) Betroffen, Anteil nicht belegt Favabohnen landestypisch (schraffiert)

Kartenbasis: „simple-world-map" von flekschas, CC BY-SA 3.0. Prävalenz-Werte v. a. aus Howes et al. 2012 (PLoS Medicine) und Nkhoma et al. 2009 – Modell-Schätzungen mit großen regionalen Schwankungen.

Regionen nach Prävalenz

Die 20 wichtigsten Regionen, geordnet nach Prävalenz und Reise-Relevanz.

1Golfregion / Arabische HalbinselReiseziel

Saudi-Arabien (Ostprovinz), Bahrain, Kuwait, VAE

32 %

Prävalenz: bis zu 32 % (Ostprovinz Saudi-Arabiens = weltweiter Spitzenwert; Zentral-Saudi-Arabien nur ~3 %) · Extrem heterogen: Küstennahe Ostprovinz historisch stark malariabelastet, Landesinnere deutlich niedriger. Mediterrane Variante dominiert. · Howes et al. 2012, PLoS Medicine

2Subsahara-Afrika (West-/Zentralafrika)

Nigeria, DR Kongo, Ghana, Benin, Kongo

32 %

Prävalenz: ca. 15 bis 32 % lokal (Kontinent-Durchschnitt Männer ~12 %; Nigeria 2–31 %, DR Kongo 4–32 %) · Höchste Prävalenzen der Erde in isolierten Regionen. A-Minus-Variante (meist milder Verlauf) vorherrschend. · Howes et al. 2012, PLoS Medicine; Nkhoma et al. 2009

3Südchina / China-Myanmar-GrenzeReiseziel

Südchina (Yunnan, Guangdong, Guangxi, Hainan)

30 %

Prävalenz: ca. 4 bis 16 % (Grenzregion zu Myanmar lokal bis ~30 %) · Kanton- und Kaiping-Variante typisch. Nordchina dagegen sehr niedrig. · He et al. 2015, China-Myanmar-Grenzregion

4Sardinien / ItalienReiseziel

Italien (v. a. Sardinien)

15 %

Prävalenz: ca. 8 bis 15 % der Männer auf Sardinien (Rest Italiens deutlich niedriger) · Höchste Prävalenz in Europa; auf Sardinien Grund für die traditionelle Warnung vor Favabohnen (Favismus). · Nkhoma et al. 2009; regionale Erhebungen Sardinien

5Indien / SüdasienReiseziel

Indien (v. a. Stammesbevölkerung), Nepal, Sri Lanka

27 %

Prävalenz: ca. 2 bis 27 % je nach Bevölkerungsgruppe (Landesschnitt ~10 %; Stammespopulationen deutlich höher) · Weltweit höchste absolute Fallzahl (über 100 Mio. Betroffene) durch große Bevölkerung. Regional sehr uneinheitlich. · GBD-Analyse 2021 (Frontiers in Genetics 2025); Howes et al. 2012

6IranReiseziel

Iran

19 %

Prävalenz: ca. 10 bis 15 % (WHO), regional 2 % (Zanjan) bis 19 % (Iranshahr) · Südöstliche Provinzen (Sistan-Belutschistan) am höchsten. Mediterrane Variante dominiert. · WHO; Meta-Analyse Iran (ResearchGate 2014)

7USA (afroamerikanische Bevölkerung)Reiseziel

USA

14 %

Prävalenz: ca. 10 bis 14 % der afroamerikanischen Männer (Gesamtbevölkerung deutlich niedriger) · Prävalenz importiert über die afrikanische Diaspora, nicht durch heimische Malaria. Weiße US-Bevölkerung <1 %. · US Army Study (Chinevere et al. 2006, Military Medicine)

8ThailandReiseziel

Thailand

18 %

Prävalenz: ca. 3 bis 18 % (Südthailand ~6 % Männer; nördliche Ethnien lokal bis ~14 %) · Wichtiges Reiseziel; Prävalenz variiert stark zwischen Regionen und Ethnien. · Nuchprayoon et al.; südthailändische Population (PMC 2022)

9GriechenlandReiseziel

Griechenland

15 %

Prävalenz: ca. 3 bis 15 % je nach Region · Klassisches Mittelmeer-Gebiet mit mediterraner Variante; historische Malariagebiete v. a. in Sumpf- und Küstenregionen. · Nkhoma et al. 2009 (Mittelmeerraum)

10MalaysiaReiseziel

Malaysia

10 %

Prävalenz: ca. 3 bis 6 % der Männer (Orang-Asli-Bevölkerung lokal ~10 %) · Chinesischstämmige Bevölkerung ~6 %, malaiische ~4,6 %, indischstämmige ~1,3 %. · Regionale Erhebung Orang Asli (PMC 2023)

11Karibik / MittelamerikaReiseziel

Jamaika, Trinidad, Curaçao, Kuba, Saint Lucia, Suriname

10 %

Prävalenz: vielerorts über 10 % · Prävalenz v. a. über afrikanische Diaspora eingebracht. Beliebte Fern- und Kreuzfahrtziele. · Monteiro et al. 2014, Latin America Review (Mem Inst Oswaldo Cruz)

12TürkeiReiseziel

Türkei

7 %

Prävalenz: ca. 2 bis 7 % (Süd- und Südostanatolien höher) · Mediterrane Variante bei ~80 % der Betroffenen; Prävalenz steigt Richtung Süden/Mittelmeerküste. · WHO / Mittelmeer-Erhebungen; Kurdak et al.

13IndonesienReiseziel

Indonesien (v. a. Ostindonesien, Nusa Tenggara)

15 %

Prävalenz: ca. 0 bis 15 % je nach Insel/Region · Östliche Inseln (Richtung Neuguinea) deutlich höher als Java/Bali. Beliebtes Reiseziel. · Howes et al. 2012, PLoS Medicine

14Vietnam / Greater MekongReiseziel

Vietnam, Laos, Kambodscha, Myanmar

23 %

Prävalenz: ca. 1 bis 23 % je nach Region und Ethnie (Laos bis ~23 %) · Region der Mekong-Subregion mit hoher, kleinräumig schwankender Prävalenz. Daten für Vietnam selbst begrenzt. · Howes et al. 2012, PLoS Medicine

15PhilippinenReiseziel

Philippinen

5 %

Prävalenz: ca. 3 bis 5 % der Männer (Daten begrenzt) · Eigene G6PD-Union-Variante verbreitet. Belastbare landesweite Zahlen sind begrenzt. · Howes et al. 2012, PLoS Medicine (Südostasien-Modell)

16SpanienReiseziel

Spanien

3 %

Prävalenz: ca. 1 bis 3 % (v. a. Süden und Mittelmeerküste; Daten begrenzt) · Mediterrane Variante; niedriger als Sardinien/Griechenland, aber über mitteleuropäischem Niveau. · Nkhoma et al. 2009 (Mittelmeerraum)

17Nordafrika / MaghrebReiseziel

Marokko, Algerien, Tunesien

7 %

Prävalenz: ca. 1 bis 7 % je nach Region (Daten begrenzt) · Mediterrane Variante verbreitet; oasennahe und südliche Regionen tendenziell höher. · Systematic Review Arabische Länder (PMC 2023)

18ÄgyptenReiseziel

Ägypten

4 %

Prävalenz: ca. 1 bis 4 % (ältere Erhebung ~1 %) · Trotz Lage im Malariagürtel vergleichsweise moderate Prävalenz; wichtiges Reiseziel (Nil, Rotes Meer). · El-Hazmi et al. 1999/2000 (Kuwait, Syrien, Ägypten, Iran u. a.)

19Brasilien / SüdamerikaReiseziel

Brasilien, Kolumbien, Venezuela, Ecuador

6 %

Prävalenz: ca. 1,7 bis 6 % (Amazonasregion und afrostämmige Bevölkerung höher) · Amerika insgesamt die niedrigsten Prävalenzen der Malariagürtel-Regionen; Amazonas-Malariagebiete als Ausnahme. · Monteiro et al. 2014, Latin America Review; Howes et al. 2012

20Deutschland / Mitteleuropa (Kontrast)

Deutschland, Österreich, Schweiz, Nord-/Osteuropa

0.3 %

Prävalenz: unter 0,3 % der Männer (nahezu ausschließlich über Migration) · Kein historisches Malariagebiet, daher kein Selektionsdruck. Fälle fast nur bei Menschen mit Wurzeln in den Hochprävalenz-Regionen. · GBD-Analyse 2021 (Frontiers in Genetics 2025); europäische Übersichtsdaten

Die angegebenen Prävalenzen sind Schätzungen und Spannen aus Modellstudien und regionalen Erhebungen. Die regionalen Schwankungen sind groß, teils schon zwischen benachbarten Provinzen einer Region. Die weltweite Durchschnittsprävalenz liegt laut Meta-Analyse bei rund 4,9 %. Prävalenz-Balken skaliert auf 32 % (weltweiter Spitzenwert).

Belege

Quellen

  • CPIC-Leitlinie für Medikamente im Kontext des G6PD-Genotyps (Gammal et al.), Clinical Pharmacology & Therapeutics 113(5), 2022/2023 — https://files.cpicpgx.org/data/guideline/publication/G6PD/2022/36049896.pdf
  • StatPearls „Glucose-6-Phosphate Dehydrogenase Deficiency", NBK470315, 2025 — https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK470315/
  • Luzzatto et al., „Favism and G6PD Deficiency", New England Journal of Medicine, 2018 — https://www.nejm.org/doi/pdf/10.1056/NEJMra1708111
  • Luzzatto et al., WHO Bulletin, 2024 (PMC11276151) — https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11276151/
  • GPOH / Kinderblutkrankheiten, Patienten-Information G6PD-Mangel, 2025 — https://www.kinderblutkrankheiten.de/sites/gpoh/kinderkrebsinfo/kinderblutkrankheiten/content/e97222/e96941/e96968/e283128/e283192/Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel_2025.pdf
  • Global Burden of Disease Studie G6PD 1990–2021, Frontiers in Genetics, 2025 — https://www.frontiersin.org/journals/genetics/articles/10.3389/fgene.2025.1593728/full
  • Ethnogeografische Variabilität G6PD, ScienceDirect, 2021 — https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1043661821004886
  • LactMed „Fava Beans", NBK532498 — https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK532498/
  • Naphthalin-induzierte Hämolyse (Fallbericht), PMC8742304 — https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8742304/
  • Analgetika bei G6PD-Mangel (systematischer Review), Journal of Pediatrics, 2011 — https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21784438/
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